wanderlust ~ ~ ~
Grapes grapes and grapes
Freitag | 06 Februar 09 | 06:30 AM
Das waren gerade mal 5 Tage, aber ein komplett anderes Leben. Soviel erlebt, good and bad.
Arbeite koerperlich schwer, in meist ueber 40 Grad Hitze, bin dafuer quasi hirntot, also bis auf das Schmerzzentrum und den Teil der die grundlegenden koerperlichen Funktionen aufrecht erhaelt... anders gesprochen: mein iPod und ich lernen uns sehr sehr gut kennen dieser Tage!
Die Fahrt im Roadtrain war super. Am Anfang aufregend, dann, muss ich leider gestehen, extrem langweilig. Der Fahrer war ein dicker lustiger Mensch namens Tony, aus der Gegend hier um Mildura, und hat wie viele hier italienische Vorfahren... Eltern um genau zu sein. Man merkt schnell gar nicht mehr in was fuer einem Gefaehrt man sitzt, nur beim Anfahren ist dieser Riesenkoloss sehr langsam, dann braust man so vor sich hin. Da dieses Land einfach verdammt gross ist und wir New South Wales quasi einmal von Osten nach Westen durchquert haben, waren das an die 1000 km. Totenbilanz: 3 Kaninchen, 1 Fuchs und 1 Kanguruh... wesentlich weniger als erwartet. Und ein Kuhwarnung ueber Funk, diese hat dann aber wohl gemerkt, dass sie falsch war, denn wir haben sie weder tot noch lebendig angetroffen. Aeh... und die anderen haben wir nur gesehen, haben nix umgefahren, weder Roos noch Kamele noch lila Elefanten.

Ankunft abends um halb 10. Wohne seitdem in einer Containeranlage mit ca. 25 Leuten, 20 davon girls, 5 boys. Alle Iren oder Briten, 1 Franzoesin, die ihr 2. Workin Holiday Visum erarbeiten. Das kann man seit kurzem bekommen, wenn man unter 30 ist und mindestens 3 Monate Farmwork macht. Da die Wirtschaft in Europa so schlecht ist, wollen die alle hierbleiben,... wobei ich das starke Gefuehl habe, dass sich die Finanzkrise hier schon von ihrer uebelsten Seite zeigt...
Nun ja, stehe taeglich zwischen 5 und 7 auf, es gibt 3 Busfahrten zu den Weinreben. Es wird gewechselt, wer in welcher Tour mitfaehrt. Dann stehen wir meist bis 12 in der Sonne und pfluecken Trauben. Die schneidet man mit einer spitzen Gartenschere von den Reben, schneidet grob die schlechten, matschigen raus und legt die Buendel in Styrophor (kann das verflixte Wort nicht schreiben...???)- Kisten, ca. Umzugskistengroesse. Die Bezahlung ist mieserabel, pro Box bekommen wir 1,15 Dollar... teilt es ca. durch 2 fuer Euro. Tja, mein Maximum war bisher 42 Kisten in 6 Stunden... ein Hungerlohn.
Nach der Mittagspause (Sandwiches Tag fuer Tag) geht es in die Scheune, wo wir die Trauben "trimmen"... ah, hab ich erwaehnt, dass es hier nicht etwa um Wein geht, sondern um die Trauben an sich... table grapes. Stehen an weissen Drehtischen unter denen ein Fliessband die Kiste verteilt. Man zieht sich eine Kiste raus und schnippelt an einem "bunch" rum, bis keine matschigen, verbrannten, zu kleinen oder sonst irgendwie unschoenen Trauben mehr dran sind und die Traube ganz wunderschoen aussieht. Trauben-Wellness quasi. Asiatische Menschen auf der anderen Seite der Drehtische maekeln dann dran rum und erzaehlen einem was man noch abschneiden soll, und packen die Buendel dann je nach Schoenheit in Nr. 1 oder Nr. 2 Kisten. Nr. 1 wird ins Ausland versandt, Nr. 2 in Australien verkauft. Wenn ihr also demnaechst gruene Weintrauben aus Robinvale, Australien, essen solltet, hab ich sie vielleicht gepflueckt und vielleicht auch kosmetisch ueberholt. Vielleicht aber auch nicht...
Bisher haben wir meist bis 7 abends gearbeitet, mit ein paar 2-3 halbstuendigen Pausen. Vor allem das "trimming" geht auf den Ruecken und die Arme, da man die ganze Zeit steht und die Buendel manchmal sehr schwer sind. Die haelt man mit der Linken und schnippelt mit der Rechten. Dagegen ist das "picking" in den Reben echt spassig.
Da wir am Fliessband nicht reden duerfen, und in den Reben so weit auseinander stehen, ist man den ganzen Tag mit sich selbst beschaeftigt... daher entdecke ich Songs auf meinem iPod, die ich nie darauf vermutet haette. Und mit "good ole Neil" im Ohr faellt es doch sehr viel leichter. Die Stunden in "the shed" werden stuendlich bezahlt, allerdings sind das auch nur 12 Dollar.
Abends, nachdem ich den Dreck aus allen erdenklichen Ritzen meines Koerpers gewaschen habe- befuerchte meine Fingernaegel werden nie wieder sauber- falle ich eigentlich nur noch tot ins Bett. Die ersten 2 Tage waren extrem hart, mir tat einfach nur alles weh. Inzwischen habe ich mich erstaunlich dran gewoehnt. Frage mich aber doch jeden Tag einmal warum ich das eigentlich mache... Bin doch eigentlich gar nicht auf dem Selbstfindungstrip?? Erwische mich sogar bei Gedanken wie: Warum sitze ich nicht irgendwo zu Hause und kriege Kinder wie andere Leute in meinem Alter? Das MIR!! Oder: Ich fliege morgen nach Hause und arbeite den Rest meines Lebens bei Unimall ohne mich je wieder ueber die Arbeitsbedingungen zu Beschweren. Ok, ich glaube ihr koennt Euch vorstellen wie hart es ist...
Aber, nachdem ich mich inzwischen "in die Gruppe eingefuegt" habe, ist es ok. Und es klingt bloed, aber es ist auch extrem befriedigend seinen Koerper mal etwas zu schinden, natuerlich wissend, dass man das nicht ewig macht. 3 Monate wuerde ich es eher nicht aushalten. Weniger wegen der koeperlichen Belastung als, dass mir mein Hirn wegschrumpft... Schade eigentlich, dass immernoch niemand einen Gedankenrekorder erfunden hat... ich koennte ne ganze Doktorarbeit schreiben in der Zeit, in der ich Trauben schnippel.... oder euch jeden Tag einzeln Emails schreiben. Nun ja, es gibt Geld, vor allem weil ich nur 70 Dollar pro Woche Miete zahle und es kaum Moeglichkeiten zum Ausgeben gibt. Vielleicht reicht es ja am Ende noch fuer Neuseeland.
Ah, noch eine Geschichte: am ersten Tag hatte ich ein Containerzimmer fuer mich alleine. Am 2. Abend brannte leider meine Klimanlage... wahrscheinlich ein elektrischer Brand. Es war nicht wirklich gefaehrlich, weil es nur aussen brannte und wir es schnell loeschten. Tja, leider ist der Raum jetzt aber staubig vom Loeschmittel und zu heiss zum drin schlafen. So bin ich nun voruebergehend bei Becka und Ailish, zwei Irinen, eingezogen... Glaube allerdings nicht, dass die Aircondition bald ersetzt wird, unser Boss, Anthony (gerade mal 22, redet aber wie eine alte Frau von 88) ist leider etwas unorganisiert.
Soweit mein Update. Internet ist sauteuer, da wir im totalen Kaff sind. Werde mich aber bemuehen bald wieder zu schreiben. Bin uebrigens ueber jede SMS (oder sogar Anruf) von Euch dankbar. Handynummer schicke ich per Mail.
Lasst es Euch allen gutgehen!

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