wanderlust ~ ~ ~
Sonntag, 08.Februar.09, 04:13AM
Sacked
Sonntag | 08 Februar 09 | 04:13 AM
Ja, das waren gerade mal 5 Tage... Freunde, ein Abenteuer jagt das naechste. Ich komm schon kaum noch mit. Bin am Freitag doch tatsaechlich gefeuert worden, das erste Mal in meinem Leben. Grund: ich habe angeblich nicht gut genug Trauben gepflueckt. Lache immer noch drueber.

Es wurde auf der Farm in Robinvale eigentlich jeden Tag jemand gefeuert, bisher waren es immer Asiaten. Als ich das das erste Mal mitbekommen habe, hat es mich schon sehr geschockt, wie das ablief. Jeder von uns hatte einen kleinen Zettelblock mit einer Nummer, die man in die Kisten mit Trauben, die man morgens gepflueckt hatten, legte. Die Kisten wurden in die Scheune gefahren und dort inspizierte die asiatische Supervisor (Vorarbeiterin nennt man das wohl bei uns) Nikki oder auch der Boss einige Kisten. Wenn die nicht voll gefuellt waren oder dort nur schlechte Trauben drin waren, wurde gerne mal jemand eben so gefeuert. Und das nicht mal im direkten Gespraech mit dem Boss, sondern einfach durch einen Supervisor: "Number 17. You go! You're picking no good. You're boxes are shit. You go!"
Freitag hatten wir lange gepflueckt, es kam immer auf die Tagesorder an wie lange, dann liessen sie uns 2 Stunden in der Hitze warten, bis wir endlich in die Scheune zum "trimmen" durften. Dort sagte uns unsere Teamleiterin Justine dann, dass sie 3 von uns nicht weiter arbeiten lassen, weil unsere Pflueckergebnisse angeblich nicht gut genug waren. Keine Diskussion. Tja, wir fuhren also zum Container-Wohnheim und konnten es nicht glauben. Fakt ist naemlich, dass meine Ernte genauso gut oder schlecht war wie die 4 Tage zuvor und man mich 2 Tage vorher noch fuer meine gute Arbeit gelobt hatte. Die Trauben wurden einfach von Tag zu Tag schlechter, weil die Hitzewelle ihnen einfach nicht bekommt.
Wir genossen erstmal den freien Nachmittag, waehrenddessen verhandelten Justine und unser direkter "Chef" Anthony eifrig mit den Boss Mario. Ein italienischer Hitzkopf, der laut Anthony total angenervt ist von den ewigen Trauben... jahrein jahraus... und sauer ueber die vermurkste Ernte dieses Jahr. Tja, kann ich ja nichts zu. Wir hatten alle schon ca. die Haelfte der Trauben in den Reben weggeschnitten bzw. weggeworfen, weil es alles vertrocknet, gelb oder schlapp war und versucht zu retten was zu retten war.
Das Ende vom Lied war, dass die beiden anderen Maedels zurueck durften, ich aber nicht. Wobei Anthony es wohl nicht mal geschafft hat sich unsere Kisten ueberhaupt anzuschauen, denn er war den Tag ueber gar nicht da, weil er mit Becky in Adelaide war, um ihr Auto abzuholen, dass von Darwin aus dort hingeschifft wurde.
Alle behaupten zwar, dass Anthony keinen Einfluss auf die Entscheidung hatte, ich denke aber, dass Mario uns gar nicht kennt, nur Nummern. Und es ist schon merkwuerdig, dass gerade ich, die als letzte zu der Gruppe kam und alleine, nun gehen musste. Koennte mir also vorstellen, dass Anthony dafuer gesorgt hat, dass die beiden anderen bleiben, weil die mit mehreren Leuten da waren und die anderen auch gegangen waeren, wenn einer gefeuert worden waere.
Am Freitagabend kamen dann alle anderen totmuede erst um 9 von der Arbeit, da sie bis halb 9 geschnippelt hatten. Eigentlich sollte ein lustiger Spieleabend mit viel Bier stattfinden, davon uebrig blieb nur viel Bier und eine sehr muede, sehr deprimierte Gesellschaft. Ich musste mich den ganzen Abend forschender Blicke erwehren, ob ich nun gleich losheulen wuerde oder froh war raus zu sein. Eigentlich eher letzteres, war aber so geschafft, dass ich es unmachbar fand den ganzen Abend froehlich zu grinsen, zumal ich ja auch wieder arbeitslos war.

Am Samstag packte ich meine siebzig Sachen, buchte ein Taxi nach Robinvale und den Bus nach Mildura, sagte aber beides wieder ab, weil Matt, einer der Jungs aus unserer Gruppe, eine Mitfahrgelegenheit aufgetrieben hatte. Schon folgte das naechste Abenteuer: Der Typ sah sehr gruselig aus, seit ca. 3 Jahren nicht gewaschen, kaum noch Zaehne im Mund, die die er noch hatte mir irgendwas rotem verschmiert (Etwa Blut? Oder nur irgendein Obst?). Im Auto war es wahnsinnig heiss und stank wie Hoelle- draussen gab es Hitzerekorde von 45 Grad im Schatten. Matt fuhr mit nach Mildura, angeblich wollte er sich mal kurz die Stadt anschauen, weil er eh nichts besseres vor hatte. Das stimmte sicherlich zum Teil auch, ich glaube aber, dass er auch mitkam um mich zu beschuetzen. Er hatte naemlich einige Bier am Abend vorher getrunken, nur 2 Stunden geschlafen, dann gearbeitet und war dementsprechend todmuede. Glaube er mochte mich ganz gerne, denn er hatte am Abend vorher an mir rumgebaggert, allerdings auf eine Weise, die mich eher an Klassenfahrten in der 6. Klasse erinnerte, so mit Kronkorken werfen und dann so tun als ob man's nicht gewesen sei... hihi. Nun ja, abgesehen davon, dass er mir 6 Jahre zu jung war, war ich auch sonst nicht im mindesten an dem Mann interessiert. Seine Sorge fand ich aber trotzdem ganz suess. Und das mit dem Beschuetzen hat auch insofern funktioniert, als ich alleine ganz sicher mit dem Typ nicht mitgefahren waere. Der Mann stellte sich allerdings als ganz redselig und nett raus, er arbeitete das ganze Jahr als Fruitpicker, zog durch die Lande. Als er erzaehlte, dass er vor ein paar Monaten einen Herzinfarkt hatte und nun erstmal nicht arbeiten durfte, malte ich mir nach dem Tramper-Mord als naechstes gleich mal die Szenen des Autounfalls durch ploetzlichen Tod des Fahrers aus...
Wie ihr seht, ist alles gut ausgegangen. Wohne in Mildura im Hostel. Gestern fuerchtete ich erst ab heute nicht nur arbeits- sondern auch noch obdachlos zu sein, da alle Hostels ausgebucht waren. Wenn man hier im Hostel wohnt, versorgen die einen auch gleich mit Arbeit- fruitpicking, Trauben, Paprika, Orangen, Avocados, Pflaumen.
Bin dann gestern abend erstmal schwimmen gegangen, da man 45 Grad sonst nicht ertragen konnte. Ausserdem war mein Koerper ploetzlich stark unterfordert. Bin 2 Stunden geschwommen, bis ich voellig aufgeweicht war und meine Schultermuskeln wehtaten. So gut!Fingernaegel sind trotzdem noch immer nicht sauber.
Danach telefonierte ich weiter Hostels ab und stiess auf eine sehr lustig und nett klingende Frau namens Justine (ja, die Namen wiederholen sich hier oefter mal, kenne inzwischen auch 3 Jodies), die sowohl ein Bett im 4er girls dorm in einem Student und Backpacker Hostel als auch Arbeit fuer mich hat. Der Satz: "I hope you'll like the place" ueberzeugte mich nach Red Cliff, ca. 10 km ausserhalb von Mildura, weiterzuziehen. Solche Ueberlegungen hab ich noch aus keinem Hostelbetreibermund gehoert! Sie holt mich heute nachmittag ab. Bis dahin geniesse ich die Errungenschaften der Zivilisation in Mildura: Klimaanlage, Schwimmbad, Cappucino, eiskalte Fruchtsaefte... und Internet!! Bin ja schon auf Entzug! Aber da es einen stuendlichen Bus von Red Cliff gibt, bin ich wohl ab jetzt wieder besser zu erreichen. Ueber SMS freue ich mich trotzdem weiterhin.
(Uebrigens weckte mich mein derzeitiger Wirt heute morgen um 7, er hatte doch noch sowohl ein Bett als auch Arbeit fuer mich aufgetrieben. Leider zu spaet. Irgendwie ist die Welt wohl so, kein Job ist kein Job, aber hat man einen Job, kommt der zweite geflogen.)

Bin gespannt wie es weitergeht. Ansonsten ist die Devise von nun an "keep moving"! So sehe ich zumindest was vom Land.

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